Auf der Spur von restorativer Gerechtigkeit – Mayas Geschichte


Es begann, mit einer Frage.


Einer von diesen Fragen, die ganz tief sitzen und schon ganz lange brodeln bevor sie rauskommen.


Die sich um Sinn und Existenz drehen.


Die keine Antwort suchen, sondern gestellt werden wollen.


Was ist„das Böse“ im Menschen? Gibt es „böse“ Menschen?


Ist nicht jeder Mensch im Grunde „gut“?


Wenn ich sie jetzt aufschreibe, fühlt sie sich schon wieder falsch gestellt und unrecht dargestellt an.


Es war noch etwas tieferes, in dieser Frage, was mich angezogen hat.


Die Frage nach „richtig“ und „falsch“, „Gefahr“ und „Sicherheit“ und ob die Linien dazwischen überhaupt so klar sind.


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Ich wollte Trampen. Per Anhalter reisen, als Frau und in Argentinien. Alle um mich herum meinten, das sei leichtsinnig, gefährlich, das kann ich nicht machen und haben an meine eigene Verantwortung mir selbst gegenüber appelliert.


Ich wollte es aber trotzdem machen. Weil ich wissen wollte, ob das was sie „alle“ gesagt haben auch wirklich so wahr ist. Eine Reise in einem Bus, Übernachtungen in Hostels und auf jedenfall im Vorhinein gebucht wirklich sicherer sind, als Reisen per Anhalter, mit dem Zufall als Begleiter und Übernachtungen per Couchsurfing App bei FRAUEN.


Ja, von außen mag es gefährlicher wirken, vielleicht auch leichtsinnig.


Ja, ich habe die Frage, warum ich das tue, fast jede Fahrt gestellt bekommen.


Und Nein, ich habe es nie bereut zu trampen.


Und ich hab keine Antwort auf meine Frage, was das „böse“ im Menschen ist,bekommen.


Ich habe lediglich Erfahrungen gemacht. Ich habe viele intensive, tiefe, lustige, offenherzige und freundliche Begegnungen gemacht. Ich habe mich damit auseinandergesetzt wie ich mich als junge Frau schützen kann und muss. Was ich tue und was nicht. Ich hatte immer mein Bauchgefühl dabei und habe ihm vertraut. Ich bin getrampt, per Anhalter gereist als Frau und alleine.


Und ich bin dem „bösen“ im Menschen nicht begegnet. Oder vielleicht schon, aberjedenfalls nicht so, dass ich es bemerkt habe.


Du könntest jetzt sagen, tja, da hast du halt Glück gehabt, aber weißt du, es gibtdoch die wirklich gefährlichen Männer da draußen hinterm Busch und wirklich irre Leute,das kannst du nicht so pauschal sagen!


Und das bezweifele ich ja auch nicht, ich erzähle dir hiermit lediglich von meinen Erfahrungen. Und wie mir das Trampen eher beigebracht hat, NOCH mehr Vertrauen in Menschen zu bekommen.


Ich wurde oft gewarnt. Von den Leuten bei denen ich schlief, vor den Leuten in der nächsten Provinz. Von den Leuten in der nächsten Provinz, vor denen in der vorherigen. Von den Autofahrer*innen, vor den LKW Fahrer*innen, von den LKW Fahrer*innen, vor den Autofahrer*innen. Alle meinten, die anderen seien sie, die Bösen und Gefährlichen. Alle sahen sich selbst als gute und gerechte Menschen. Alle behandelten mich respektvoll und achtsam. (Was wahrscheinlich wiederum ziemlich viel mit meiner privilegierten Position als weiße, europäische Cis-Frau die reist lag)


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Auf der Reise, kam mir ein Ted Talk zwischen die Finger.


„What a world without prisons would look like”


Deanna van Buren, eine schwarze Architektin und Aktivistin in den USA erzählt von ihrer Kindheit, von ihren selbstgebauten Heilungshütten. Von ihrer Arbeit mit Inhaftierten, von ihren Ideen für Alternativen zu Gefängnissen. Von „Restorative Justice“ und einem Justizsystem, welches auf Wiedergutmachung und Heilung abzielt, anstatt auf Verurteilung.


Und sie hat mit ihrem Ted Talk auf Youtube, etwas ganz Tiefes in mir berührt. Etwas, das mit meiner Frage zusammenhing, weshalb ich überhaupt losgetrampt, losgegangen bin auf meine Reise.


Eine Lebensenergie, einen Teil meines Lebenswirbels.


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Als ich wieder in Berlin war, habe ich mich ins Internet gestürzt und gegoogelt. Nach Alternativen zu Gefängnissen, Restorativer Justiz, innovativen Initiativen oder Gruppen, die in diese Richtung arbeiten.


Der Erfolg blieb ziemlich gering. Ich fand ein Projekt in Bayern mit einem interessanten, aber auf mich sehr wirtschaftlich-kapitalistischen wirkenden Ansatz.


Ich fand einige Dokus, Artikel, aber nichts von all den tollen innovativen Ideen von denen Deanna Van Buren in ihrem Ted Talk erzählt hat existierte hier in Deutschland. Ich war enttäuscht. Ich wusste nicht wie ich mit dem, was ich da gespürt hatte, weiterkommen sollte.


Ich wusste, das hat was sehr Tiefes mit mir zu tun.


Aber ich wusste nicht, wie.


Wo ansetzen, weitermachen.


Nach ein, zwei Wochen tiefen Zweifels und Stillstands, entschied ich mich, die Suche nach alternativen Projekten aufzugeben um mir durch ein Praktikum in einem Gefängnis das System, das was ich fand, ungerecht läuft - anzuschauen.


Die Justizvollzuganstalten lehnten mich ab, weil ich die Vorraussetzung, bereits Studentin zu sein nicht erfüllte, doch ich fand einen freien Träger der Straffälligenhilfe, der in JVA’s in Berlin und Umgebung als Beratungsträger tätig war, bei dem ich als Praktikantin genommen wurde.


Bereits inmeinem Vorstellungsgespräch erzählte mir mein „Anleiter“- ein bereits pensionierter, recht alter Sozialarbeiter - von den schlimmsten Mordfällen, Gewaltverbrechen und grausamen Taten sowie Tätern, die Klienten von ihm waren und Taten, die sie begangen hatten.


Ziemlich begossen und fertig mit der Welt ging ich nach Hause und fragte mich, ob ich dieses Praktikum auch wirklich machen will. Und ich entschied mich, es trotzdem zu tun.


Die Monate waren voller intensiver, krasser Erfahrungen. In unserer Beratungsstelle kamen sehr viele Menschen vorbei, denen wir halfen, ihre Haftstrafe abzuarbeiten oder in Raten abzuzahlen, um eine Inhaftierung zu verhindern. In den Gefängnissen begegneten mir die unterschiedlichsten Männer mit den unterschiedlichsten Geschichten, Haftstrafen und Urteilen.


Und es gab wenige, mit denen ich mich nicht in ein Auto hätte setzen wollen oder vor denen ich Angst hatte. (vielleicht eher aus Unfallgefahrgründen).


Nein, ich hatte oft den Eindruck, vor mir saßen viele große Kinder. Viele erwachsene Männer, in deren Augen ich die verletzten Kinder dahinter sah. Männer, die es einfach nicht besser wussten. Und vor allem aber auch, GANZ GANZ viele Menschen, bei denen ich den Eindruck hatte, dass sie in der Gesellschaft gar keine andere Chance hatten, als den Weg zu wählen, den sie für sich gewählt haben.


In einem Newsletter, von einer Trainerin der gewaltfreien Kommunikation, die ich bereits von früher kannte, las ich von einem Info- Abend zu einer Ausbildung, die sie gemeinsam mit einer anderen Frau für das Jahr 2020/2021 geplant hatte. Eine Ausbildung zur „facilitor*in für restorative circles“. Der Name erinnerte mich an „Restorative Justice“ und nach einigem Lesen erkannte ich einige Zusammenhänge. Die „restorative circles“ sind so etwas wie Heilungskreise, in denen Koflikte gelöst werden, wertungsfreie Räume eröffnet werden in denen versucht wird, sich gegenseitig zu verstehen.


An einem Januarabend fuhr ich nach Hamburg, extra für die Info-Veranstaltung. Nichtwissend, was auf mich zukommen wird, saß ich davor in einem Café und schrieb Tagebuch.


An dem Abend erzählte Heidrun, eine meiner jetzigen Ausbilderin von ihrer Arbeit mit den restorative circles. Von Konfliktprozessen voller Tränen, von einem System, dass sie in einer Schule aufgebaut hat und das seitdem in dieser Schule keine Schüler*innen mehr rausgeschmissen werden mussten.


Ich wusste noch nicht wie genau und was das alles mit meinem Praktikum in der Straffälligenhilfe zu tun hatte, mit dem Trampen und meiner Frage. Ich weiß es auch immer noch nicht, aber ich spüre es. Da ist ein Zusammenhang, eine Energie die das Ganze von Beginn an begleitet hat und weitergeht.


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Inzwischen bin ich kurz vor Ende der Ausbildung, ich habe sie gemeinsam mit zwei Freundinnen gestartet und wir haben das Geld dafür gemeinsam gesammelt und erarbeitet. Wir wollen danach auch selbst restorative circles leiten und mein Traum, damit in das Justizwesen zu gehen und Alternativen zu Gefängnissen zu schaffen, lebt weiter.


Was wenn es ein Justizsystem gäbe, das den Schmerz aller Menschen behandelt und Heilungverspricht? Anstatt in „gut“ und „böse“ zu unterscheiden und die eine Konfliktpartei wegzusperren?


Was wenn zwischen „gut“ und „böse“ gar keine Grenze ist und alles Teil unseres Menschseins ist?


Was wenn wir im Grunde alle verletzte Kinder sind, die im Grunde nur geliebt, gesehen und verstanden werden wollen?


Wie können wir Eigenverantwortung lehren und leben?


Wie kann ein Mensch lernen sich zu verändern?


Und zumindest hier


endet dieser Text


mit mehr Fragen als Antworten


die genauso darauf warten gestellt zu werden


und nicht mit Antworten beschmissen


und ich hab die Gewissheit


dass sie mich weiterleiten werden


und ich Ihnen nur folgen muss.


Die Energie hier weder abbricht noch aprupt aufhört


- sondern in vollem Fluss ist.


Für Pierre. Danke für die Möglichkeit, mich selbst so anzusehen, zu reflektierenund wiederzufinden.


In Liebe, Maya