Vom Beamtenstuhl
in den Eselstall

ein WIRBEL-FLUSS von Susanne

"Es ist Ende Dezember und ich schaue mit Adleraugen auf mein letztes Jahr.


Renewal Time.


In grüner Farbe heben sich einige Momente von dem Papier vor mir ab..."

das "Amelie-Maiskorn" mit Valentin pflanzen

den Singing Tree mit Flo pflanzen

Doku-Film-Verzweiflungen

mit Flery über die Walbdrände in Griechenland weinen

Permakultur-Design-Kurs mit Warren

Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche mit Valentin und meiner Mais-Pflanze

Das "Singing Tree"-Lied beim Food-Forest-Pflanzen mit Lars singen

Heute kann sie nicht mehr sagen, wann sie angefangen hat, sich zu fragen, was sie da eigentlich tut. Was sie für ein Leben führt. Ob es das ist, was sie führen möchte. Trotz jahrelanger Langeweile im Bürokratendschungel, trotz des „nicht Hineinpassens" in die bequeme und überkorrekte Beamtenwelt. Trotz zunehmender Unzufriedenheit, immer häufiger auftretender Migräneattacken und Magen-Darmprobleme, hat sie noch lange gebraucht, um aus diesem für sie unglückseligen Hamsterrad auszusteigen. Denn sich einzugestehen, dass das eigene Leben und der ausgeübte Beruf so gar nicht erfüllend sind, ist das Eine. Dies aber auch Freunden und Familie und dem Partner gegenüber zu offenbaren und sich zu trauen alles zu ändern- dass ist etwas ganz anderes. Zumal sich das Verständnis und Mitgefühl in ihrem Umfeld zunächst sehr in Grenzen hielt. „So sei das nun mal,“ „sie solle doch froh sein, einen sicheren Job zu haben,“ „Beamtin und das in der heutigen Zeit…“ Diese und viele weitere klischeehafte Aussagen, trugen mit bei, zu weiteren Jahren der Unzufriedenheit und Frustration.

Der Wandel in die Depression verlief schleichend. Aber auch als sie diesen Zustand nicht mehr vor sich selbst verleugnen konnte, versuchte sie weiter zu funktionieren und schleppte sich jeden Tag auf die Arbeit. 41 Stunden die Woche am Schreibtisch, mit Akten- und PC-Arbeit, die sie nicht im Geringsten interessierte. Fast immer mit einem Lächeln im Gesicht, bloß nichts anmerken lassen, vor den zum Teil raubeinigen Kollegen.

Da sind die bewegten Bilder von einem Rausch von Dokumentarfilmen, dem Flo und ich uns hingeben. Über die Verwüstung in der Sahelzone Afrikas, und die Flüchtlingsströme, die einer leblos trockenen Landschaft entfliehen. Über unser Geldsystem, was Fülle für einige Wenige und Mangel für extrem viele andere verursacht, und die Ausbeutung von Mutter Erde in seine Funktionsweise eingeschrieben hat. Über die Auslaugung unserer heimischen Böden und die Frage, wie viele Ernten uns noch bleiben. Da ist riesige Verzweiflung, Hilflosigkeit und Tränen. Mein Leben macht keinen Sinn. Wie soll ich bloß weitermachen?! Wie sollen wir Menschen bloß weitermachen?!

Da ist der Geruch von Rauch, zu dem ich aufwache, auf einer Permakultur-Farm in Griechenland. Es ist Hochsommer und die Waldbrände wüten wild, gar nicht weit von uns. Zum ersten Mal spüre ich am eigenen Leib, was es bedeutet, in einer so trockenen Landschaft zu leben. Ständig im Ungewissen, ob das, was man jahrelang aufgebaut hat, die Gnade haben wird, weiter zu existieren. Flery, die Landhüterin, weint. Ich weine mit.

Da sind all die Bilder von unserem Permakultur Design Kurs in Deutschland. Der Klang der Groschen, die fallen, als ich verstehe, dass nicht das Wasser knapp ist, sondern der Boden ausgelaugt. Dass wir den Regen zuerst pflanzen müssen, bevor wir Bäume pflanzen. Da sind die Geschichten von Warren, unserem Lehrer, und die Bilder von Wüstenlandschaften, die er in grüne Paradiese verwandelt hat. Da ist die gelebte Hoffnung, dass wir Menschen den Wandel tatsächlich gestalten können. Da sind Folien und Flipchart-Papiere voller Food Forest-Erklärungen. Da ist ganz viel Theorie und Hintergrundwissen. Und das bunte Tribe-Leben beim Anlegen eines gigantischen Hügelbeets.

Da ist der Geschmack von Valentins Maispfanne zur Herbst-Tag-und-Nachtgleiche bei meinem Besuch am Hohlenstein. Meine Pflanze steht noch und ist - wohl aufgrund meiner DNA-Impfung - ordentlich nach oben geschossen, hat aber wenig Frucht gebildet. Tsss was ein toller Spiegel der Natur! Aber was eine Freude, mir von dieser Maispflanze durchs Gesicht streicheln zu lassen. Sie hat es tatsächlich geschafft zu wachsen!

Da ist das Lied, das mir am Tag der Pflanzung des ersten Singing Trees kam, nun in eine portugiesische Landschaft eingebettet während ich Hafer säe:
„Live in the now/
and live for tomorrow/
you can bring healing to the land/
Plant seeds of joy instead of sorrow/
take Mother Earth into your hand“.
Dann ist die nächste Baumreihe dran. Wir legen einen Food Forest an im Sinne der syntropischen Agrikultur. Bald kommt der Regen hier im portugiesischen Winter, die perfekte Zeit, um die von Lars selbst gezogenen kleinen Bäumchen in die Erde zu geben. Die verschiedenen Grüntöne und kleinen, zarten Blätter der Bäume malen mir ein Lächeln ins Gesicht.

Der Zauber der Rauhnächte lässt mich all diese Momente nebeneinander sehen. Plötzlich steigen mir Tränen in die Augen und ein Schauer breitet sich von meiner Brust über Schultern und Arme aus:
Ohne dass ich es gemerkt habe, hat sich beständig ein grüner roter Faden durch mein Leben gewirbelt. Selbst im ausweglosesten Moment kann ich ihn jetzt sehen! Tatsächlich scheint dieser Faden genau im größten Schmerz seine Kraft getankt zu haben, um mit umso klarerer Ausrichtung weiter Richtung Licht zu wachsen. Meine Entwicklung über das letzte Jahr ist eins mit der von Mais, Singing Tree und Food Forest.

Ich seufze tief.
Im Bestaunen dieser Kraft,
die mein Leben wirbeln lässt
in feinst orchestrierter Ordnung.

growing a future

Amelie